Bye Bye Social

Warum ich den sozialen Medien den Rücken kehre

Liebe/r k&f-Freund/in, Interessierte/r, Famillienmensch, Musikliebhaber/in oder Mensch, dem einfach grad nur langweilig ist. Dass Du diese Zeilen liest, spricht dafür, dass Du dich immerhin ein wenig dafür interessierst, was ich zu sagen habe (oder zur letztgenannten Gruppe der Liste gehörst). Das freut mich. Ich habe eine Entscheidung getroffen, die nicht die Welt bewegt, aber in den letzten Tagen und Wochen einige meiner Gedanken eingenommen hat. Deswegen habe ich das Bedürfnis, mich zu erklären - nicht zu rechtfertigen - in der Hoffnung, dass auch Du vielleicht den ein oder anderen Gedanken daran verschwendest und Deine eigenen Schlüsse ziehst.

Ich werde mich - sowohl privat als auch als Musiker - von jeglichen Social Media Plattformen verabschieden. Das ist keine Entscheidung, die ich treffe, weil ich denke, sie würde meine Musik-Karriere (wenn man denn überhaupt von einer Karriere sprechen kann) fördern. Allerdings denke ich, dass sie mich als Musiker und als Mensch voranbringen wird. Nun aber genug um den heißen Brei geredet, Du willst sicherlich wissen, warum ich den ganzen Kram überhaupt mache (wenn Du nicht schon längst aufgehört hast zu lesen und Deinen Instagram Feed weiter durchscrollst).Ich glaube, ich kann die Gründe meiner Entscheidung grob in zwei Teile unterteilen, die am Ende allerdings auch wieder miteinander verbunden sind. Da wir aber alle so große Freunde von Struktur und Ordnung sind, werde ich versuchen mal so vorzugehen.

1. Ich möchte etwas zu sagen haben

Der Gedanke, den Sozialen Netzwerken den Rücken zu kehren, kam mir das erste mal, als ich an einem Sonntagmorgen - nach sehr intensiven Gesprächen über diverse Bereiche der Musik und dem ein oder anderen Bier - durch meine Instagram Stories klickte und mir auffiel, wie viel - und entschuldigt bitte den Ausdruck - belanglose Scheiße mir da eigentlich vorgesetzt wird. Ich habe mich eigentlich immer für einen sehr wählerischen Konsumenten in diesem Bereich gehalten und versucht nur Menschen zu folgen, bei denen ich hören und sehen wollte, was sie von sich zu geben haben. Dennoch ist mein Feed vollgestopft mit belanglosem Zeug - oder Content, wie man es so schön nennt.

Ich glaube generell, dass soziale Netzwerke ein sehr mächtiges Werkzeug sind, um Botschaften zu verbreiten und Themen zu beleuchten, die in der Mainstream Medienwelt zu wenig, oder gar keine Beachtung finden. Sie sind eine gute Möglichkeit um Menschen zusammen zu bringen, die die gleiche Meinung haben und um zu zeigen, dass es viele Menschen sind, die diese Meinung haben. Dennoch habe ich das Gefühl, wir nutzen einen Presslufthammer, um ein Bild an der Wand anzubringen. Ich möchte nicht behaupten, dass niemand in den sozialen Medien etwas zu sagen hat, oder dass das Werkzeug nicht auch richtig (für meine Begriffe richtig) genutzt wird - gerade zu wichtigen Ereignissen nimmt die Dichte an politischen Beiträgen ja auch gern mal zu. Trotzdem geht das in meinen Augen in einem Meer von ‘Content’ unter. Leider glaube ich, dass das genau den Menschen in die Karten spielt, die dafür verantwortlich sind, dass unsere Welt in dem Zustand ist, in dem sie ist. Menschen, die nicht genug kriegen können, die von Wachstum und Wohlstand sprechen, als gäbe es dort keine Grenzen - diesen Wohlstand aber am liebsten für sich selbst behalten um ein möglichst unbeschwertes Leben zu führen. Aber ich weiche vom Thema ab, darum geht es jetzt nicht. Der Punkt, den ich versuche zu vermitteln ist: Solange wir uns alle gegenseitig unter- und bei der Stange halten, denken wir weniger darüber nach, was in dieser Welt eigentlich verkehrt läuft und was man tun kann (und muss!) um das zu korrigieren.

Nun zu mir: Es ist ja jedem freigestellt, belanglose Inhalte in die Öffentlichkeit zu katapultieren und auch ich habe das in der Vergangenheit zu genüge getan. Vielleicht sind auch diese Zeilen gerade für den ein oder anderen belanglos. Dennoch habe ich beschlossen, nur noch etwas zu sagen, wenn ich auch etwas zu sagen habe. Ich möchte mich nicht mehr gezwungen fühlen, irgendetwas zu posten, um meine ‘Fans’ und ‘Follower’ bei der Stange zu halten. Ich möchte mich nicht mehr gezwungen fühlen, Inhalte aus den Fingern zu saugen, damit der Algorithmus mich nicht vergisst und ich am Ende gar nicht mehr gesehen werde. Ich möchte mich nicht mehr gezwungen fühlen, meine Gedanken auf 280 Zeichen, oder 15 Sekunden zu beschränken. Ich möchte nur noch etwas sagen, wenn ich etwas zu sagen habe und ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Jahren viel zu viel gesagt habe, nur um überhaupt etwas zu sagen und Teil eines Ganzen zu sein. Das möchte ich ändern.

2. Ich möchte Kunst schaffen

Ja, das klingt sehr hoch gegriffen. Nein, ich glaube nicht, dass ich schon annähernd da bin. Ja, es ist trotzdem mein Ziel. Ich habe mir in letzter Zeit sehr viele Gedanken gemacht, was ich mit meiner Musik erreichen will, wo das Ganze hinführen soll und warum ich das eigentlich mache und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht mehr unterhalten möchte. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass meine Musik nicht mehr unterhalten darf, es soll nur nicht die Bestimmung, nicht die Motivation sein.

Sophie Hunger hat in der Dokumentation ‘The Rules of Fire’ 2013 zehn Regeln für Musiker aufgestellt, die sie mittlerweile nicht mehr alle wirklich Ernst nimmt und auch zum Teil selbst gebrochen hat. Die zehnte Regel allerdings hat es mir von Anfang an angetan und begleitet mich nun schon eine Weile. ‘Never try to please.’ Die vergangen Jahre war diese Regel immer eine Art Mantra für mich, wenn ich aufgeregt auf die Bühne gegangen bin. Es hat mir dabei geholfen, mich darauf zu besinnen, dass ich Spaß an meiner Musik habe und es nicht jedem recht machen kann. Es wird immer Menschen geben, die diese Freude nicht teilen und nichts mit meiner Musik anfangen können. Vor diesen Menschen habe ich noch heute Angst, wenn ich auf die Bühne gehe. Eine Angst, die in Teilen völlig irrational ist, da man ja weiß, dass nicht jeder die gleichen Dinge mag und es Menschen geben muss, die meine Musik nicht mögen. Es gibt ja auch genügend Musik, die ich nicht mag. Auf der anderen Seite öffnet man natürlich einen großen Teil seiner selbst, wenn man die Songs spielt, die zum Großteil auf eigenen Erfahrungen, Gefühlen und Gedankengängen basiert und wenn das dann jemandem nicht gefällt, projiziert man das häufig auf sich selbst. ‘Wer meine Musik nicht mag, mag meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen nicht und schlussendlich mich nicht’. Dass das ein völlig übertriebener Schluss ist, ist mir bewusst, aber der Kopf übertreibt gerne in solchen Situationen.

Ich schweife wieder vom Thema ab. Zurück zur zehnten Regel: In den letzten Wochen habe ich ‘Never try to please’ für mich neu interpretiert und beschlossen Unterhaltung nicht mehr den Gegenstand meiner Musik zu machen. Es gibt zu viel Musik, die gemacht wird um zu unterhalten - und das sehr gut tut. Es gibt wenig Musik dieser Art, die ich mir gerne anhöre. Und hier kommt die Verbindung zum 1. Punkt: Ich möchte etwas zu sagen haben. Ich glaube mittlerweile, dass Musik - wie jede andere Kunstform - auch eine Verantwortung hat, sich kritisch mit den Gegebenheiten, dem Handeln und Denken der eigenen Person, aber auch der anderen Menschen, auseinanderzusetzen. Ich bin fest der Überzeugung Musik als Kunstform muss etwas zu sagen haben. Unterhaltungsmusik ist keine Kunstform und das ist auch OK. Ich habe früher sehr gerne Sonnenuntergänge fotografiert. Die waren schön anzuschauen, hatten aber nichts zu sagen - das lässt sich sehr gut auf Musik übertragen. Ich merke mehr und mehr, dass ich Musik überdrüssig werde, die nichts zu sagen hat und dann will ich diese auch selbst nicht mehr schreiben* (Ich muss hier im Nachhinein ein Sternchen an diese Aussage setzen, da ich festgestellt habe, dass ich sie ein Stück weiter unten wieder etwas relativiere. Der Kern bleibt aber unverändert).

Maurice Ernst, Sänger der Band Bilderbuch, hat in einem Interview mal sehr treffend festgestellt, dass ein Großteil der Musik in der heutigen Zeit nur noch geschrieben und produziert wird, um in einer Playlist ihren Platz zu finden und bloß nicht aufzufallen und hier schließt sich der Kreis zu den sozialen Netzwerken: Solange wir uns alle gegenseitig unter- und bei der Stange halten, denken wir weniger darüber nach, was in dieser Welt eigentlich verkehrt läuft und was man tun kann um das zu korrigieren. (Ja diesen Satz habe ich gerade von weiter oben kopiert und hier eingefügt).

Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Musik momentan auch nur nah dran bin, Kunst zu machen und das ist OK. Ich möchte aber da hin. Natürlich werde ich auch weiterhin Lieder über meine Gefühle und über Herzscheiße schreiben, das ist nicht zuletzt meine Art und Weise Dinge zu verarbeiten. Und auch diese Lieder werde ich weiter auf Bühnen spielen, solange ich sie gerne spiele. Aber solange ich meine Zeit und Energie darauf verschwende, belanglose Inhalte zu erschaffen, um meine Fans und Follower bei der Stange zu halten, solange ich meine Gedanken darauf verschwende, zu welchem Zeitpunkt ein Post die meisten Menschen erreicht und wann ich am besten welches Video und welches Foto in die Netzwerken schicke, solange fließt meine Zeit und Energie nicht in meine Musik. Ich möchte meine Musik gerne an einen Punkt bringen, an dem sie momentan noch nicht ist und dafür benötige ich jedes letzte bisschen Zeit und Energie und die möchte ich mir nicht weiter von Belanglosigkeiten klauen lassen. Während ich diese Zeilen hier schreibe, muss ich immer wieder an Momo von Michael Ende denken und ein Zitat finde ich an dieser Stelle besonders passend: ‘Zwar waren die Zeit-Sparer besser gekleidet als die Leute, die in der Nähe des alten Amphitheaters wohnten. Sie verdienten mehr Geld und konnten auch mehr ausgeben. Aber sie hatten missmutige, müde oder verbitterte Gesichter und unfreundliche Augen’

Ich bin mir dessen bewusst, dass dieser Schritt mir nicht mehr Bekanntheit, Reichweite und Erfolg (im traditionellen Sinne) verschaffen wird - im Gegenteil. Ich möchte mich allerdings wieder zurück auf die Musik besinnen und auf das, was ich damit machen will - nicht auf das Marketingspielchen drum herum. Wenn das bedeutet, dass am Ende weniger Menschen meine Musik hören, dann sei es so. Wenn es aber dazu führt, dass meine Musik der Musik näher kommt, die ich gerne machen würde, dann mache ich damit alles richtig. Ich habe in meinem Kopf noch viele Gedanken zum Thema Musikbusiness, der Wertung eines Musikers anhand der Follower, Klicks und Likes, Algorithmen der sozialen Netzwerke und Streamingdiensten. All das spielt natürlich in meine Entscheidung mit rein, all das werde ich auch zu einem späteren Zeitpunkt zu Papier bringen. Ich habe allerdings das Gefühl, dass ich zunächst erstmal genug gesagt habe. Für heute. Natürlich möchte ich Euch trotzdem auf meine Reise mitnehmen und nicht ganz im Dunkeln stehen lassen. Deswegen habe ich beschlossen: Wenn ich etwas zu sagen habe, dann tu ich das auch und in aller Ausführlichkeit in einer E-Mail. Wenn Du diese E-Mail lesen willst, kannst Du mir HIER Deine E-Mail Adresse verraten und ich halte Dich auf dem Laufenden. Natürlich werde ich auch Konzerte und anderes auf diesem Wege verkünden. Aber immer nur, wenn es auch etwas zu sagen gibt.


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